Donnerstag, 24. August 2017

Tag 66: Grüezi Schwiiz

Nach dem umfangreichen Frühstück im Hotel in Versahl, nordöstlich von Ischgl, gehe ich den Weg ins Dorf nun zum dritten Mal. Ich muß sagen, das zweite Mal (am Abend vorher der Rückweg nach dem Essen ins Hotel) war mit großem Abstand das beste, denn da hatte ich Ischgl im Rücken und mußte mir diesen gräßlichen Ort nicht ansehen.
Ich habe schon viele Skiorte in den Alpen gesehen und Ischgl hat sich auf Anhieb in die Top-3 der grausigsten katapultiert. Da ändern dann auch die Trachtler am Sonntag Morgen vor der Kirche nichts mehr daran.

Vor Ischgl noch eine Skurrilität am Rande (also eigentlich manchmal über der Straße): Eine kippbare Brücke, wie man sie beispielsweise über Schifffahrtskanäle kennt, die hier allerdings zum Heueinfahren in den ersten Stock des Heuschobers dient.


Ich war ja kurz davor, die Kurbel mal auszuprobieren:


Immerhin sind am morgen auf der Silvretta-Bundesstraße im Vergleich zu gestern Nachmittag noch keine Horden von Sportwagenfahrern mit dröhnenden Motoren unterwegs.

Sehr schnell ist der Ort Ischgl dann durchquert und das Paznauntal verlassen. Auf einer geteerten Straße (Teil der Skipiste ins Tal) geht es kontinuierlich aufwärts gen Süden in das Tal des Fimbabaches.

Schafe sind übrigens manchmal auch irgendwie Rindviecher: Fast 100 Höhenmeter rennen ein schwarzes Mutterschaf und zwei kleine schwarze Schafe im Schlepptau die Teerstraße vor mir her davon. Immer wieder bleiben sie stehen, knabbern am Gras links oder rechts, aber sobald ich eine gewisse Distanz unterschreite, rennen sie wieder mit auf und ab schlagenden Ohren im Schweinsgalopp davon. Statt einfach mal zur Seite auf die Wiese oder irgendwo in den Wald zu gehen - nein, immer die Straße hoch, die ich auch gehe.
Das Ganze hat erst ein Ende, als von oben ein großer Pick-up entgegen kommt. Kurz stehen die drei mitten auf der Straße, schauen hoch zum Auto, das abgebremst hat, schauen hinunter zu mir und dann haben sie wohl Losentscheid getroffen und stürmen beherzt an mir vorbei gen Tal, wobei sie nun halt vom Auto gejagt werden ...

An den Mittelstationen der Fimba- und der Silvrettabahnen gehe ich unterhalb vorbei und erst danach sind auf dem Schotterweg nun mehr Leute zu Fuß oder mit dem Rad anzutreffen, die wohl die Möglichkeit des kostenlosen Transfers mit der Seilbahn im Rahmen der Gästekarte in Anspruch genommen haben. Mir hatte der Mann an der Rezeption gestern noch die Möglichkeiten der Silvrettakarte schmackhaft machen wollen, aber ohne Auto, ohne Motorrad und ohne Wunsch nach Bus, Seilbahn oder Schwimmen war das völlig vergebene Liebesmüh - aber ich hatte es ihm ja gleich gesagt ...

Der Weg ins Tal zieht sich ganz schön in die Länge und immer wieder nieselt es an diesem trüben, kühlen Tag mit tief hängenden Wolken. Mal mehr, mal weniger.
Ich bin heute aber ignorant: Der Rucksack ist seit dem Morgen in die Regenhülle eingepackt und der Regen ist nie so stark, daß lange Hose oder kurzes Hemd ernst- und dauerhaft richtig naß werden würden.

Heute kommen sehr viele Mountainbiker an mir vorbei, u.a. weil eine der klassischen TransAlp-Routen hier durch führt (Oberstdorf - Gardasee). Wahrscheinlich überwiegt heute auch deutlich der NICHT-E-Antrieb.

Bergauf sind die Radler kaum schneller als ich zu Fuß und ich kann im Gegensatz zu einigen Frauen, die dabei aus dem letzten Loch pfeifen, auch noch ganz entspannt grüßen.
Wie mir die Radel-Jungs am Abend am Tisch erzählen werden, sind sie bergauf im Schnitt nur mit 3,8 km/h unterwegs.

Auf ca. 2.000 Metern liegt der letzte Lift hinter mir und das Tal zieht sich weiter in die Länge.
Interessanterweise verläuft hier die Grenze zur Schweiz nicht am Ende des Tals über die trennenden Gipfel und Grate zum Schweizer Nachbartal im Süden, sondern auf der Höhe von 2.127 Metern quer durchs Tal. Ich bin also plötzlich in der Schweiz. Also zumindest offiziell, denn außer einem Zollwarnschild ist nichts besonderes zu erkennen: Keine Grenzsteine, keine verlassenen Wachhäuschen, nichts.


Den Kühen im Tal ist die Grenze auch völlig gleichgültig, denn es gibt auch keine Weidegrenzen, und dem Adler über unseren Köpfen ist das sowieso alles egal.


Nun ist die Heidelberger Hütte in Sicht: Auf 2.264 Metern liegt die einzige Hütte des Deutschen Alpenvereins auf Schweizer Grund. Wobei hier im ersten Moment wenig an die Schweiz erinnert: Die Zufahrt ist nur aus Tirol möglich, die Hütte wird von Österreichern bewirtschaftet, es gibt nur Handy-Empfang von österreichischen Providern und die Speisekarte hat auch nur Euro-Preise.

Aber hier und da findet man dann schon die Anzeichen: Von den beiden Autos der Wirtsleute ist eines in der Schweiz zugelassen (ich möchte nicht wissen, wie viele Kilometer die zum Schweizer TÜV fahren müssen), es gibt Rösti, Dankes-Tafel der Schweizer Zöllner und Hinweise auf die Einhaltung Graubündener Gesetze.

Die Hütte ist groß und wegen eines gerade laufenden Umbaus ist der Weg ins Innere etwas skurril durch Betonkatakomben im Souterrain.

Die Etappe war sehr kurz, weswegen ich schon am Mittag an der Hütte bin. Ich habe die Wahl: Entweder heute noch einen zweiten Teil dranhängen und zur Jamtalhütte weiter gehen (dann wäre der Folgetag sehr kurz) oder auf besseres Wetter am nächsten Tag spekulieren und dann richtig lange Etappe über Jamtalhütte bis zur Bielerhöhe zu gehen.

Ich entscheide mich für die Spekulation auf besseres Wetter mit ordentlicher Sicht und lasse es mir bei Rösti mit Geschnetzeltem und einem Apfelstrudel mit Vanillesoße als kleine Mahlzeit für Zwischendurch gut gehen und im Lager habe ich dann bei Erstzuteilung um 14:30 Uhr auch die erste Wahl.


Zu diesem Zeitpunkt ist die erste Gästewelle, die um die Mittagszeit die Hütte erreichte bereits abgeebbt: Tageswanderer sind wieder auf dem Weg ins Tal bzw. zurück zur Mittelstation und die Mountainbiker schieben bereits die Räder hoch zum nächsten Paß, bevor es von dort in rasante Abfahrt ins Tal zum Tagesziel geht.

Am späteren Nachmittag trifft dann die zweite Welle an Gästen ein, die hier über Nacht bleiben: Mehrtages-Wanderer auf Silvretta-Runde-Hütten-Tour und viele Biker auf der klassischen Oberstdorf-Gardasee-Route, die auf Berg- statt Tal-Unterkünfte setzen.

Am Nebentisch flammt plötzlich eine Diskussion unter Wanderern auf, wo man denn das Auto im Tal geparkt habe: Ein Ehepaar hat in See (da war ich ja gestern Morgen ins Paznauntal von der Ascherhütte gekommen) kostenlos geparkt und ist dann mit dem Bus bis Ischgl, da dort bereits für einen Tag 12 Euro an Parkgebühren aufgerufen werden - und die sind sogar, wie die meisten, mit der Seilbahn bis zur Mittelstation gefahren. Der Ort wird mir immer unsympathischer.
Ein Allein-Wanderer steht wohl direkt an der Bahn und meint keine Schilder gesehen zu haben, die ein Problem darstellen könnten. Alle anderen meinen gegenteilig. Ich denke auch, am Vorabend dort Schilder gesehen zu haben, daß man da nur tagsüber Kurzzeitparken darf. Die Phantasien gehen von Abschleppen über Parkkralle auf alle Fälle in die Richtung dreistelliger Parkgebühren für die geplante Fünf-Tages-Tour. Nun, der Lenker wird es schon merken und wenn sie Geld haben wollen, nehmen sie BESTIMMT auch Kredit- oder EC-Karte.
Dann werde auch ich gefragt, wo denn mein Auto stehe. Nun, kurz und schmerzlos: Lichtenfels, Nordbayern. Das Ehepaar ist kurz verduzt. Ich meine schon, näher erklären zu müssen, wo Lichtenfels sei, als sie verunsichert anmerken, daß sie beim Lichtenfelser Alpenverein seien, wohnhaft in Bad Staffelstein. *lol* so klein ist die Welt, dann kann ich ja gleich präzisieren: Schney, Garage der Oma.
Jetzt ist ihnen die genaue Position meines Parkplatzes zwar bekannt, allerdings muß ich dann doch noch erklären, warum ich DORT und nicht im Paznauntal parke. Ich bin halt einfach schon ein paar Tage unterwegs.


Neben der Zimmerzuteilung wurde einem auch eine Tischnummer für das Abendessen zugeteilt. Je später es wird, um so mehr wird mir klar warum: Die Hütte wird recht voll.

Ich habe Glück mit meinen Tischnachbarn: Drei lustige Koblenzer Radler mittleren Alters mit ihrem Guide Pjotr. So erfahre ich einiges über die Mountainbike-TransAlp und die Anforderungen an einen Guide.
Interessanterweise hält sich Pjotr bevorzugt auf dem Rennrad fit, fährt mit dem Tourenrad im Winter irgendwo auf der Welt durch die Gegend (letztes Mal: Neuseeland) und muß zu Beginn der alpinen Sommersaison erst wieder Koordination fürs Mountainbiken aufwändig trainieren.  


Begegnungen:
1 Schwarzes Mutterschaf mit 2 kleinen schwarzen Schafen
4 Murmeltiere
1 Adler
2 Bad Staffelsteiner vom Lichtenfelser Alpenverein
3 Radler aus Koblenz und Guide Pjotr

Kommentare:

  1. Hallo Kai,

    dass der Ort Ischgl häßlich ist, gebe ich dir recht, das Skigebiet allerdings gefällt mir gut, groß, abwechslungsreich und man muss eigentlich fast nie anstehen. Fahre mit dem Skibus nach Samnaun und steige dann dort ins Gebiet ein, dort ist der Ort hübscher.
    War schon einige male mit der Bahn/den Ski auf dem Piz Val Gronda und überlege immer wieder mal zur Heidelberger zu fahren und von dort ins Tal, aber allein und ohne Piepser ist das ein Problem.
    Auf der Hütte hattest du ja interessante Bekanntschaften. Ist 3,8 km/h inklusive Pausen? So langsam könnte ich mit meinem Tourencrossrad mit Gepäck bergauf gar nicht fahren, das geht von der Übersetzung her gar nicht, da wäre die Trittfrequenz zu niedrig. Meine langsamste Geschwindigkeit bergauf war an der 18% Stelle vom Wurzenpass 4,1 km/h, das war aber sehr grenzwertig, das ging nur nach einer kleinen Pause kurz vorher, nachdem ich bis dorthin den Pass ohne Pause hochgefahren war.

    Gut Wandern,

    Frank

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  2. Rennst Du eh nicht jetzt an der österreichischen Westgrenze vorbei?

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    1. Wie meinen ?
      02er führt doch nach Liechtenstein und dann nach Norden zurück in die Alpenrepublik.

      K2.

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    2. So schnell wie Du unterwegs bist, läufst Du Gefahr, dass Du erst irgendwo in der Gegend von Zürich zum Stehen kommst!

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    3. Nein, bin rechtzeitig umgeschwenkt und heute zur Sicherheit noch über Etappe hinaus bis nach Vorarlberg gegangen (Feldkircher Hütte).

      Und morgen wird mich Fräulein A. einfangen und garantiert fern von Zürich (und den Bergen :-() erst wieder ausladen.

      Cu K2.

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  3. Lass dir Zeit. Bin erst in Paris...

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    1. Gerade FL-Sücka passiert.
      Wenn ich noch bis Paris gehen soll, habe ich aber noch ein Stück ;-)

      Cu K2.

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  4. Freu mich schon auf die Endspurtberichte. Gutes Nach-Hause-Kommen und liebe Grüße

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  5. Ad posto tappa party: Ich find es cool,
    dass du schon im September 2014 gewusst hast, dass du im September 2017 zu dieser Party gehst ;-)

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    1. Hallo Volker.

      Ich kann Dir sogar die genau Uhrzeit meines "Will attend"-Logs von vor 3 Jahren sagen: 09:21 Uhr

      Da kannte ich zwar Ort und Zeit des Treffens noch nicht, aber ich war mir sicher, daß es stattfinden würde.

      Und ansonsten hat Ania natürlich bestimmt auch recht ! ;-)

      Cu K2.

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    2. Deine Planungen werden mir immer unheimlicher.

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