Montag, 11. September 2017

Tag 74: Das Ende am Stein

Das letzte Hüttenfrühstück am Zentralalpenweg 02 auf der Feldkircher Hütte ist opulent: Inklusive weich-gekochtem Ei, O-Saft und einer Wurst-Vielfalt sitze ich am Gartentisch unter dem Sonnenschirm und blicke hier am westlichen Ende Österreichs verträumt hinab ins weite Tal gen Osten.

Irgendwo dort hinten in der Ferne, ca. 600 Kilometer Luftlinie und mehr als doppelt so viele Kilometer zu Fuß entfernt, war ich vor mehr als 10 Wochen an der Donau zu meinem Weg zum, am und immer wieder auch über den Alpenhauptkamm gestartet und nun befinde ich mich nach knapp 70.000 Aufstiegsmetern auf einem Hügel am Rande des Rheintals.

Weil ich die Chauffeuse dorthin geschickt hatte, wo der Pfeffer wächst, und sie erst gestern Nachmittag wieder aus Madagaskar zurück gekommen ist, meine ich heute Morgen noch jede Menge Zeit vertrödeln zu können, da das Fräulein A. aus Erlangen ja erst noch anreisen muß - schließlich sollte ich ja unterwegs schon mindestens zwei Tage vertrödeln, da sie mich gerne abholen würde.

Nun, das war dann wohl insgesamt mal eine Punktlandung: Diese beiden Tage hatte ich ja bereits in der ersten Woche im Burgenland/Niederösterreich durch Etappen und Pausentag "heraus geholt".
In den folgenden neuneinhalb Wochen hielten sich dann heraus gelaufene Tage sowie Rückschritte und steinerne Treffen derart die Waage, daß es bis zum Ende bei der anfänglichen Verschiebung blieb.

Die SMS-Nachricht, daß sie bereits in Illertissen sei, sollte mich dann - neben den späteren Temperaturen talwärts - nochmal ordentlich ins Schwitzen bringen: Also nix wie Rucksack packen und Abmarsch !


Gen Norden führt ein steiler Pfad durch den Wald in Serpentinen hinab. Nach einer Weile wird die Orientierung an Hand der Wegweiser nochmal etwas spannend (keine zu sehen), aber Dank GPS kann auf der erreichten Forststraße flott wieder der zugewachsene Einstieg in den weiteren Pfadverlauf gefunden werden.


Längst bin ich deutlich unter 1.000 Metern unterwegs und am Waldrand in feuchten Bereichen lassen fliegende Blutsauger das Tempo noch einmal deutlich beschleunigen - nur nicht stehen bleiben ist ein letztes Mal die Devise. Kurz danach ist Fellengatter erreicht und Felsenau nur wenig später durchschritten. Noch ein Mal geht es durch den Wald, anschließend - nach einem kurzen Stück Straße - führt die Route durch einen Hohlweg (hier kommt mir das letzte Wander-Pärchen dieser Tour im Aufstieg entgegen) direkt hinab nach Feldkirch.



Durch den aus dem Frühjahr bekannten Park geht es bei Traumwetter mit Blick auf die Stadt bis an den Fluß Ill:


Via Brücke spaziere ich hinüber zu der Grünanlage, wo sich der (für manch einen Zeitgenossen nicht auffindbare) Endstein des Zentralalpenwegs - und Fräulein A. - befindet, denn merke (insbesondere auch ZeitgenossInnen in der Alpenrepublik):
Eine österreichische Fernwanderung auf einem der WWWs (Weit-Wander-Wege) beginnt oder endet nie IN Stein (dort, im Pfitschertal kommt man statistisch gesehen nur zufällig gehäuft vorbei), sondern eher AM Stein :-)


Nach nur 1,5 Stunden endet damit am Montag, 28. August 2017 um 11:15 Uhr nach 69 Wandertagen (ursprünglicher Plan: 10 Wochen) die letzte (und damit kürzeste) Etappe meines Sommer-Ausflugs 2017 nach 33 doppelseitigen Landkarten-DIN-A4-Seiten quer (also eigentlich längs) durch Österreich (mit Stippvisiten in Südtirol, der Schweiz und Liechtenstein) als Through-hike auf dem 02er (bzw. meine Gletscher-, Kletter- und Überfüllungs-freie Interpretation davon).


Am Abend kommt dann kurzfristig noch Besuch aus der Schweiz: Nachdem das Mitwandern an einem Terminmißverständnis (ich war quasi eine Woche zu früh an der Schesaplanahütte) scheiterte, freut es mich um so mehr, daß Sybille und Daniel zum Nachtessen extra bis nach Feldkirch auf die Schattenburg angereist sind.


In den nächsten Tagen wird dann erfahrungsgemäß die physisch größte Herausforderung einer solchen Fernwanderung kommen:
Den Körper (insbesondere die Knie) wieder ans Herumsitzen am Schreibtisch zu gewöhnen und ein paar andere Sachen (z.B. Daten für mögliche Nachwanderer und Fotos für anderweitig Interessierte aufzubereiten) gilt es ja auch noch zu erledigen ...


Begegnungen:
Fräulein A.
Mountain + Fantasy

Sonntag, 3. September 2017

Tag 73: Nochmal das volle Programm

Fräulein A. hatte mich bereits vor einigen Wochen darauf hingewiesen, daß es doch nur bedingt sinnvoll sein könne, am Ende einer Etappe, ein paar Hundert Höhenmeter zu einer Hütte abzusteigen und am nächsten Morgen auf demselben Weg mühevoll wieder nach oben zu kraxeln.

Nun, bevor ich als (völlig) Beratungs-resistent gelte, habe ich mir das natürlich mal genauer angesehen und durchdacht, ob es am Ende der heutigen Etappe wirklich keine Alternative zum Abstieg zur Gafadurahütte gibt. Interessanterweise erwähnt Band II des OeAV-Führers keine Alternative, Band III allerdings schon: "Konditionsstarke Wanderer werde direkt der Feldkircher Hütte zustreben, um sich am nächsten Tag den Wiederaufstieg zum [Saroja-]Sattel zu ersparen"

Wenn nicht jetzt - am Ende meiner knapp 10-wöchigen Wandertour, wann dann könnte ich "konditionsstark" von mir behaupten ?
Eine kurze Delta-Rechnung ergibt ca. 1 Stunde effektiven Mehraufwand und somit unter dem Strich eine Gesamt-Plan-Gehzeit von ca. 10,25 Stunden, wobei ich zuletzt ja immer etwas schneller als die Planzeiten im Führer unterwegs war, denn die Kondition ist das eine und das andere, daß mein Rucksack nur noch 14 Kilogramm plus 0,5-2,5 Liter/Kilo Wasser wiegt.

Nichtsdestotrotz bin ich am Vorabend richtig früh ins Bett gegangen und heute beim Frühstück (leider erst) ab 7:00 Uhr recht flott, so daß ich mich bereits 45 Minuten später als erster von der Hütte auf den Weg mache.

Es soll heute auch großteils bedeckt und somit nicht zu heiß sein.


Mein heutiger Weg ist teils deckungsgleich mit der Roten Via Alpina und für vom Bettlerjoch erstmal bergab gen Westen, bevor dann in die heute vorherrschende Richtung Nord eingeschwenkt wird.

Gams und Murmeltiere begegnen mir bereits auf den ersten Metern, dann ein paar Einheimische und schließlich zwei deutsche Fernwanderer, die seit 2010 jedes Jahr eine gute Woche zusammen auf der Roten Via Alpina unterwegs sind: Den Ostteil von Oberstdorf bis Triest haben sie bereits abgeschlossen und nun sind sie auf dem Westteil von Oberstdorf nach Monaco unterwegs. Bis sie am Exotischen Garten in Monaco zum Eintrag ins "Goldene Buch" der Via Alpina eintreffen, werden zwar noch ein paar Jahre vergehen und viel Wasser die Po-Ebene durchfließen, aber ich Wünsche ihnen natürlich trotzdem alles Gute und auf daß sie meinen Eintrag vom 15. September 2014 dann lesen mögen !

Auf dem Weg am Osthang entlang in Richtung des Berggasthofs Sücka kommen mir dann noch einige Wanderer entgegen. Dort wäre also auch eine Unterkunftsmöglichkeit gewesen, die die gestrige und die heutige Etappe etwas ausgewogener hätten gestalten lassen können.

Kurz danach muß ich mich nach einer ersten kurzen Pause für den heutigen Tag entscheiden: Durch den Tunnel gehen oder nicht ?!


Ich gehe durch den Tunnel und dann über einen netten Weg durch den Wald am Hang entlang gen Silum. Die entgegen kommenden Mountainbiker lasse ich immer großzügig passieren - es läuft einfach gut: Unter mir liegt das Rheintal, über das immer mal wieder an lichteren Stellen mein Blick gen Norden (Liechtenstein) sowie Süden schweift und ich bin quasi kurz vor dem Ziel, wenn man den Gesamtweg des 02ers betrachtet.


Etwas später gibt es dann einen Dämpfer: Recht heftiger Regen setzt ein.
Also Rucksack als auch den Wanderer ein- und den Foto wegpacken.

Als ich gerade nahezu fertig bin, kommt eine junge, vermutlich Schweizer Wanderin entgegen: Kurzes Oberteil, kein Regenschutz, großer Rucksack und bester Laune.
Der Rucksack qualifiziert sie umgehend als potentielle Fernwanderin und wirklich: Gestern in Feldkirch gestartet, in der Nähe der Garsellaalpe im Zelt mit Erlaubnis des Senners übernachtet, plant sie zwei Wochen gen Graubünden zu gehen. Wir fachsimpeln noch ein wenig und sie ist sich recht sicher, daß das Wetter heute noch ganz gut halten wird.

Am Ende sollte sie ziemlich recht behalten: Es kommt zwar immer mal wieder ein ordentlicher Schauer im Laufe des Tages herunter, aber es regnet sich nicht ein.

Kurz nach Ende unserer Unterredung, ziehe ich Anorak und Regenhose auch schon wieder aus, da es aufgehört hat zu regnen und es mir zu warm wurde.

Über eine Almstraße geht es hinauf zum Bargällasattel und nach einer kurzen Mittagspause nordöstlich auf die Hellwangspitz zu. Durch den schmalen Durchgang im Fels am Alpspitzsattel komme ich auf mächtig als breiten Fußweg ausgebaute und befestigte Serpentinen, wo mir sehr viele Tageswanderer entgegen kommen und ich aufpassen muß, daß ich keine Steine lostrete, die diesen unterhalb gefährlich werden könnten.
Am Garsällisattel stoße ich dann wieder auf den Hauptweg, der nun auf die Gafleispitz am Hang entlang zu führt.

Die Latschen links und rechts des Weges sind hier extrem großzügig auf ca. 2,5 Meter Breite frei geschnitten, so daß sich der Pfad gefühlt wie eine Autobahn gehen läßt (der Ortsansässige Pepi hatte mir früher wohl schon mal von dieser sehr beliebten Liechtensteiner Route erzählt), nur wenn Gegenverkehr kommt, muß man mal kurz langsam machen und aneinander vorbei. Während genau solch eines Passiervorgangs mit nettem Grüßen erschrecken sowohl das mir entgegen kommende Paar als auch ich uns fast zu Tode: Direkt hinter mir bricht ein Rebhuhn aus den Latschen und fliegt davon.
Mensch sind wir erschrocken ! - Und ich dachte bisher immer, nur ich sei so schreckhaft bei unerwarteten Begegnungen ;-)

Am Gipfel des Kuegrats - der Name ist hier leicht irreführend - treffe ich noch drei Vorarlberger, die heute am Sonntag ausnahmsweise mal auf Auslandstour sind. Schnell (dunkel Wolken sind mittlerweile vermehrt aufgezogen) nutzen wir noch die Gelegenheit, Fotos von einander am Gipfelkreuz anzufertigen - es wird für mich wohl eine ganze Weile das letzte Gipfelkreuz gewesen sein.


Dann geht es immer wieder am Grat entlang und teils über Drahtseil-gesicherte Passagen auf den Garsellakopf zu, wo unweit die Grenze zu Österreich verläuft.

Zwischenzeitlich hat der Wind deutlich aufgefrischt und ein heftiger Schauer läßt mich (mal wieder) zu Anorak und Regenhose greifen. Der Weg fordert auch nochmal, auch wenn teilweise betonierte Stufen das Kraxeln auf und ab erleichtern.

Jenseits des Garsellakopfes kommt dann die letzte entscheidende Abzweigung: Entweder geradeaus weiter über die Drei Schwestern mit noch mehr Kraxeln, Metallsicherungen und Leitern oder gen Osten über die Garsellaalpe den letzten Felsstock meiner langen Wanderung umgehen ?


Der Blick nach oben in den schwarzen Himmel, läßt nur eine logische Schlußfolgerung zu: Möglichst rasch zur Alpe auf unter 1.800 Metern absteigen und die Umgehung zum Sarojasattel nutzen.

Die Entscheidung war wohl genau richtig: Gerade als ich an der Ecke unterhalb des letzten Gipfels vorbeigehe, bricht das Gewitter los. Es hält zwar nicht sehr lange an, aber ich bin froh, unter diesen Bedingungen nicht 400 Meter höher ausgesetzt mit jeder Menge Stahl im Klettergelände zu hängen.

Der Weg am Waldrand entlang zum Sarojasattel und von dort hinab zur Alpe ist auch nochmal eine Herausforderungen und ich vermisse wie auf dem Blankeis am Gliederferner (Tag 51) meine Steigeisen. Gletscher(reste) hat es hier natürlich keine, aber von Hunderten Füßen und Kühen festgetrampelter Lehm, der nun auf der Oberfläche schmierig feucht ist, in Kombination mit Gefälle läßt sich bergab in etwa so lustig begehen, wie eine mit Schmierseife bestrichene Holzrampe :-(

Die Knochen bleiben heil und die Klamotten sauber, aber gefühlt glichen meine Bewegungen einem Tanz mit/auf rohen Eiern - Dank der fortgeschrittenen Stunde und des nur mehr suboptimalen Wetters halten sich die (menschlichen) Beobachter aber stark in Grenzen um nicht zu sagen, deren Anzahl dürfte sich vermutlich asymptotisch Null angenähert haben.


Ein paar Kilometer gilt es dann ab der Alpe noch auf einer geschotterten Fahrstraße durch Almgelände und Wald und nochmal Almgelände bis hinab zur Amerlugalpe zu gehen, hinter der am Waldrand sich das heutige Tagesziel versteckt.

Nach einer Gehzeit von 8 Stunden für eine Etappe, die nochmal das (nahezu) komplette Bergprogramm in Ausschnitten geboten hatte, erreiche ich die Feldkircher Hütte der Naturfreunde in Vorarlberg auf 1.200 Metern für die letzte Übernachtung meines Österreich-Ausflugs 2017.

Über Nacht bin ich zwar (zum Ende mal wieder) der einzige Gast, aber am frühen Abend sind noch ein paar Steuerflüchtlinge aus Liechtenstein (Renato, der Hoch-/Skitouren-Geher mit Job in Liechtenstein, und seine Frau sind aus Vorarlberg ausgewandert, um sich die Null zu sparen: 5 statt 50% Steuer - von wegen Null-Summen-Spiel ;-) und ein Bekannter zu Gast, die sich sichtlich erstaunt über meine Tour zeigen.
Nun, für mich wären halt die 4.000er von Renato nichts - einem jedem Tierchen sein Plaisierchen :-)


Begegnungen:
1 Gams (Liechtenstein)
3 Murmeltiere
2 Rote-Via-Alpina-Wanderer
1 Schweizer Graubündenwanderin
1 Riesiger Schwarz-Specht
1 Rebhuhn
3 Vorarlberger
1 Gams (Vorarlberg)
Kühe
Schafe
Ziegen
Renato, Frau + Kumpel


2.000er:
Kuegrat, 2.123
Garsellakopf, 2.105