Samstag, 12. August 2017

Tag 56: Muren ohne Murren

Heute will ich bis zum Talende gehen und zur Bremer Hütte aufsteigen. Wegen der angekündigten Kaltfront erscheint mir nämlich der Mohn-Topfen-Torten-Abstecher zur Gschnitzer Tribulaunhütte als zu gewagt, denn dann müßte ich am Folgetag einen langen, hohen und sicherlich nicht ganz einfachen Höhenweg zur Bremer Hütte gehen. Bei angekündigten Schneefällen ab möglicherweise ca. 2.200 Meter sicher keine gute Idee.

Schweren, ganz schweren Herzens verzichte ich also auf die beste Torte des ganzen Alpenbogens (Tortentag).
Aber ich werde wieder kommen ! Und wenn ich manchmal sogar schon verrückte Tagesausflüge ins Pfitschertal unternommen habe, warum dann nicht mal schon vor dem Brenner und rechts abbiegen ... ;-)


Bereits als ich in Trins hinab zum Fluß gehe, um auf dem 102er-Weg (die Gebirgsgruppe hat an der Brennerbundesstraße ja mal wieder gewechselt, nun bin ich in den Stubaier Bergen) abseits der Hauptstraße dem Tal einwärts gen Südwesten zu folgen, kann ich die Reste von kleinen Überschwemmungen in Form von Sand- oder Schlammablagen sehen.


Irgendjemand war wohl für Einsatz am Vortag sehr dankbar und hat mal einen Kasten Bier bei der Feuerwehr vor die Tür gestellt:


Richtig übel wird es allerdings, als ich ab Gschnitz der Hauptstraße folge und direkt durch den Ort muß, wo in etlichen Häusern direkt an der Hauptstraße auch nach 1,5 Tagen noch fleißig Aufräumarbeiten laufen: Keller werden ausgepumpt, wertlos und nicht mehr nutzbar gewordene Möbel stehen für den Sperrmüll bereit, die Feuerwehr und die Straßenreinigung spritzen mit viel Wasser den Schlamm weg.

Der Auslöser für den ganzen Schlamassel ist schnell ausgemacht, läßt einen ungläubig und mit Erinnerungen an ähnliche Hochwasserkatastrophen in Bayern zurück: Ein in Betonrinne kanalisiert laufendes Bächlein, was jetzt - trotz des erneuten deutlichen Niederschlags am Vorabend/in der Nacht ca. 30 Zentimeter breit und ca. 10 Zentimeter tief ist.

Die Spuren am Gartenzaun des angrenzenden Grundstücks lassen auf Anschwellen auf 1 - 1,5 Meter Pegel schließen.

Auch im weiteren Verlauf des Tals laufen immer mal wieder an Schuttrinnen Baggerarbeiten und auch die Hauptstraße war wohl an mindestens zwei weiteren Stellen verschüttet gewesen.
Die Rinnen und vor allen Dingen die Geröll-/Baum-Auffangvorrichtungen müssen nun schnellstens wieder vom Unrat befreit werden, um anschließend wieder dem Schutz zu dienen.

In einem mit drei übereinander als waagrechtes Gitter angebrachten Stahl-Doppel-T-Trägern kurz vor der Straße verbarrikadierten Bachlauf beispielsweise ist keinerlei Wasser zu sehen, allerdings ist der Rinnen-Querschnitt von ca. sechs Quadratmetern oberhalb komplett bis zum Wiesenniveau mit Felsen und Geröll aufgefüllt.

Kurz nach Untertal wechsle ich auf den 50er-Wald- und Wiesenweg, wo auch zwei Bagger Schlamm und Geröll beseitigen, wo allerdings die Muren - Gott sei Dank - nur zwischen den Häusern auf die Zufahrtsstraße vorgedrungen sind.
Laut der Anwohner ist mein Weg aber im weiteren Verlauf begehbar.

Durch den Wald komme ich nach einer Weile an einer Brücke zur Zufahrtstraße zur Laponesalm. Der Fußweg ist mit einem Lawinen-Gefahr-Schild gesperrt, also muß ich die Privatstraße nehmen.


Kurz vor der Einkehr im Gasthof auf der Alm sehe ich auch den Grund der Fußweg-Sperrung: Hier ist auf ca. 15 Meter Breite der Waldhang auf gut und gerne 70 Höhenmetern mit Stumpf und Stiel (Schlamm, Felsen und Bäumen) bis zum Bach an der Talsohle abgerutscht.

Etwas nach der Alm zweigt dann noch vor der Talstation der Materialseilbahn der Bremer Hütte der Fußweg rechts ab. Hier wurde auf den letzten 900 Höhenmetern bis zur Hütte wahrlich NICHT mit Farbe gespart. Ca. alle fünf Meter ist ein Fels angepinselt.

Als ich ca. 100 Höhenmeter durch den Wald aufgestiegen bin, beginnt es zu regnen. Ein paar Nadelbäume entlang ignoriere ich das Wetter noch, aber letztlich geht es ganz ordentlich los.

Nach Heiligenblut am Großglockner (vor ca. 2 Wochen) muß ich nun mal wieder Anorak und Regenhose aus dem Rucksack holen und auf Mistwetter umrüsten.

Ich bin wohl der Einzige, der hier heute aufsteigt, denn mir kommen nur ein Pärchen aus Deutschland und ein paar Holländer entgegen und die Chefin auf der Laponesalm meinte auch schon, alle anderen wären wohl bergab unterwegs gewesen.

Mein Ziel ist am nächsten Morgen, möglichst noch über das Simmingjöchl auf gut 2.750 Metern zu kommen, um dann entweder das schlechte Wetter auf der Nürnberger Hütte aus zu sitzen oder sogar noch über den Hüttenweg bis ins Stubaital nach Ranalt abzusteigen.

Durch den Regen gilt es aber erstmal die Bremer Hütte auf 2.413 Metern zu erreichen. Nachdem der Weg die Baumgrenze hinter sich gelassen hat, führt er vor dem Simmingsee durch eine Art Grasbecken, was bei der aktuellen Witterung natürlich recht sumpfig ist.
Dann wird die Materialseilbahn im Fels unterquert und der Pfad führt über den Mitteregg-Rücken stetig bergan bis man erst wenige Meter vor der Hütte jene erstmals erblicken kann.

Die Hütte ist gut voll, schließlich liegt sie am beliebten Stubaier Höhenweg, aber in einem (warmen) Lager im Anbau sind noch ein paar Plätzchen frei. Andere haben da weniger Glück: in den Lagern im Altbau zieht es wohl teilweise extrem, was sich beim Sturm in der Nacht als Husten-fördernd bei den drei Innsbruckern heraus stellt.

Der gesicherte Steig zur Nürnberger Hütte wird als nicht einfach beschrieben, bei Schnee wohl keinesfalls machbar, bei Nässe nur mit größter Vorsicht.

Heute gilt es aber erstmal, Schuhe und Klamotten im Trockenraum möglichst gut der Nässe zu entledigen. Heiße Dusche fällt leider aus, da das Kraftwerk der Hütte defekt ist und mit dem Generator nur Notstrom erzeugt wird. Cool, daß trotzdem WLAN in Betrieb ist und auch private Geräte geladen werden dürfen.


Begegnungen:
1 Reh
2 Graureiher
11 Alpakas
1 fette Kröte
3 Mädels mit 1 Mutter aus Innsbruck
2 Jungs + 1 Mädel aus Innsbruck

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